Platons Wissenschaftstheorie

Heute möchte ich den Erkenntnistheorie-Block abschließen, indem ich noch einen Blick auf Platons Wissenschaftstheorie werfe. Oder zumindest dem, was dieser philosophischen Disziplin am nächsten kommt, denn zu behaupten, dass Platon schon eine richtige Wissenschaftstheorie formuliert habe, wäre eine steile These. Doch fangen wir an: Entweder hier als Video oder darunter als Transskript.

Wir sahen, dass der Weg zu gesichertem Wissen für Platon über die Ideenlehre gehen muss. Wenn wir nun einmal davon ausgehen, dass es Ideen gibt, dann stellt sich noch immer die Frage, wie wir diese Ideen erkennen können. Mit anderen Worten: Wie wir von den IdeenErkenntnis erlangen können.

Platons Theorie über die Ideenerkenntnis ist für uns spannend, da wir auch ohne seine Metaphysik viel von ihr lernen können. Denn Platon gibt quasi eine Aufgabenbeschreibung für die Philosophie ab. Der alte Philosoph beschreibt die wissenschaftliche Methode der Philosophie.

Hinterfragen von Axiomen

Er vergleicht dafür die Philosophie mit der Mathematik. Mathematik und Philosophie gehen nach Platon von Axiomen aus, mit Hilfe derer sie dann gewisse Schlüsse ziehen. Doch während die Mathematik diese Axiome nicht hinterfragt, ist es Aufgabe der Philosophie, genau dies zu tun. Die Axiome hatten wir schon in der Folge zur These, dass Wissen wahre begründete Meinung ist, kennengelernt. Ein Axiom ist ein Satz, der nicht bewiesen werden kann, sondern der beweislos vorausgesetzt wird. Nehmen wir zum Beispiel das Parallelaxiom von Euklid:

„Zu jeder Geraden und jedem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine zu der Geraden parallele Gerade durch diesen Punkt.“

Tschuldigung, dass ich schon wieder mit Mathe anfange, aber Platon fand sie eben geil. Die Mathematik arbeitet nun einfach mit diesem Axiom, ohne es anzuzweifeln. Die Philosophie – in diesem Fall die Philosophie der Mathematik – versucht hingegen zu prüfen, ob dieses Axiom sich selbst noch aus anderen Sätzen herleiten lässt.

Und damit kommen wir zum Kern dessen, was wir Platons Wissenschaftstheorie nennen können:

Die allgemeinste aller Hypothesen

Die Philosophin untersucht laut Platon Hypothesen, die als einfach und klar gelten. Was aus diesen Hypothesen folgt, ist wahr. Was ihnen widerspricht, ist falsch. Aber die Philosophin prüft eben auch diese Hypothesen selbst. Wenn sich aus einer Hypothese Sätze ableiten, die zueinander im Widerspruch stehen, dann muss die zugrunde liegende Hypothese falsch sein. Sofern sich die Hypothese aber bewährt, versucht die Philosophin eine Hypothese zu finden, die noch allgemeiner ist und aus der sich die Ausgangshypothese ableiten lässt.

Platon selbst vertritt im Dialog Phaidon die Auffassung, dass die Existenz der Ideen die allgemeinste aller Hypothesen ist. Das ist nicht ganz unplausibel, wie wir ja im Zusammenhang mit der Ideenlehre sahen. Es gibt aber auch Probleme, die uns ernsthaft daran zweifeln lassen, dass diese Hypothese wahr ist. Im Dialog ‘der Staat’ modifiziert Platon hingegen seine Auffassung dahingehend, dass die Idee des Guten die allgemeinste aller Hypothesen ist.  Und das ist meines Erachtens kompletter esoterisch-metaphysischer Bullshit. Lest euch noch einmal meine Texte zu den drei Gleichnissen durch.

Aristoteles, der ja bekanntlich ein Schüler von Platon war, hat übrigens diese Suche nach der allgemeinsten aller Hypothesen auch durchgeführt. Und sein Kandidat ist der Satz vom Widerspruch. Diesem Satz habe ich ebenfalls gewidmet und ich muss sagen, dass er für mich auch ein ganz heißer Kandidat neben ein paar anderen formallogischen Prinzipien ist.

Platons Methodologie und ihre Probleme

Doch zurück zu Platon und zu dem, was ich die Methodologie seiner Wissenschaftstheorie nennen möchte. Für Platon ist der Dialog die Methode, mit der sich eine Hypothesenprüfung am besten durchführen lässt. Daraus ergeben sich aber zwei methodische Probleme:

Zum einen ist dies eine geisteswissenschaftliche Wissenschaftstheorie. Im Dialog werde ich nie herausfinden können, ob Gravitationswellen existieren. Dafür muss ich empirische Forschung betreiben.

Zum anderen ist die Hypothese, auf die sich die Gesprächspartnerinnen im Dialog am Ende einigen, immer nur so gut, wie die Untersuchenden schlau sind. Nur weil ihnen kein Argument dagegen einfällt, heißt das nicht, dass es keines gibt. Es ist zumindest prinzipiell nie ausgeschlossen, dass unser Wissen sich am Ende doch als falsch herausstellt.

Ist das klar? Stellt euch vor, eine Android-Userin diskutiert mit einem iOS-User, welches das bessere Betriebssystem ist. Daneben steht ein Windowsphone-User und weint leise. Am Ende gewinnt die Android-Userin mit dem Argument, dass Android ein quelloffenes Betriebssystem ist, das jede weiterentwickeln kann. Es ist aber dennoch nicht bewiesen, dass Android besser ist als iOS, denn es könnte ja ein noch besseres Argument geben, das dem iOS-User bloß nicht einfällt. Während Platon also die der Welt zugrunde liegende Hypothese sucht, wird er am Ende immer nur jene Hypothese finden, die dem Erkenntnisvermögen der am Dialog Beteiligten zugrunde liegt.

Der metaphysische Schauer

Platon verwendet übrigens wiederholt die Formulierung, dass die Ideen “geschaut” werden müssen, die ich ja auch schon einwarf. Die Ideen lassen sich nach Platon nicht logisch erschließen sondern nur erleben. Die Schau der Ideen geschieht plötzlich, unerwartet und lässt sich nicht in Worte fassen. Erst ein solches Erlebnis der Ideen mache das Leben lebenswert und wem es zuteil werde, der würde verstehen, warum die Ideen wirklicher sind als unsere Welt der Erfahrungen.

Platon beschreibt mit der Schau der Ideen eine metaphysische Erfahrung oder auch einen metaphysischen Schauer. Wenn ihr euch intensiv mit Philosophie beschäftigt, euch durch einen komplizierten Text quält, mit einer vertrackten Theorie ringt, dann kann es vorkommen, dass ihr plötzlich einen Moment er Erkenntnis erlebt, der geradezu extatisch ist und ihr das Gefühl habt: Ja, das ist Wahrheit!

Ich vermute stark, dass das der Reiz ist, den viele in Religion finden, diese Erfahrung der absoluten Gewissheit. Das Problem ist, dass wir uns in der Philosophie nicht darauf ausruhen können. Denn meist ist der metaphysische Schauer genauso schnell verflogen, wie er kam. Und aus einem Gefühl, dass etwas wahr ist, lässt sich nicht ableiten, dass es auch tatsächlich wahr ist.

Der späte Platon hat das auch erkannt und sich von der Schau der Ideen, die er in den mittleren Dialogen noch als erkenntnistheoretisches Mittel annahm, verabschiedet. Wenn uns die Ideenlehre überhaupt etwas bringen soll, dann müssen wir sie uns argumentativ erschließen. Metaphysische Erfahrungen und extatische Gefühle mögen Spaß machen, aber das Spiel der Philosophie wird mit Worten gespielt und wahr kann nur sein, was ich auch begründen kann und nicht nur irgendwie erleben.

Das Rätsel, wie wir Erkenntnis von den Ideen erlangen, bleibt ungelöst. Wir aber verabschieden uns jetzt von Platons Erkenntnistheorie und schauen uns beim nächsten Mal an, was er zur unsterblichen Seele zu sagen hat.

Kafkaeske Klassenräume mit gesunden Einstellungen zu Godot – die Tweets der Woche

Die vergangene Woche war wieder etwas schöner nur dank eurer Tweets! <3

Montag

Der Montag brachte die Erkenntnis, dass die deutsche Politik Kafka geschlagen hat, eine wagemutige Feuerwehr und es gab viiiiiel Spott für Seehofer.

Dienstag

Eine verspätete Rezension von Keinohrhase eröffnet den Dienstag, außerdem gab es einen typischen deutschen Klassenraum und goldenes Schweigen.

Mittwoch

Am Mittwoch jaulte ein Hund bei seinem Lieblingsfilm mit, ein Kind hatte eine gesunde Einstellung zu seinem Zeugnis. Der Tag brachte das Rätsel der Pinguine, Lager auf deutschem Boden und ein Reh spielte Fangen mit einem Hund.

Donnerstag

Am Donnerstag wurde mal wieder auf Godot gewartet. Es gab einen Catnap, und das EU-Parlament entschied gegen Uploadfilter.

Freitag

Am Freitag gab Lucy uns eine Entscheidungshilfe für den Fall, dass wir alle planen, ein Hochbett anzuschaffen, die deutsche Sprache verlor die Lust und Brasilien hatte ein Dejavu.

Samstag

Der Samstag stand vor allem im Scheinwerferlicht der Demos für die #Seebrücke. Außerdem gab es mal wieder Fußball und den eindeutigen Hinweis, dass du mal wieder Fahrradfahren solltest.

Sonntag

Am Sonntag schließlich gab es eine Zeitschleife auf deutschen Autobahnen und die Erklärung des Internets.

Als Bonus außerdem mein erfolgreichster Tweet der Woche:

Platon – Die Anamnesislehre

Heute möchte ich zusammen mit euch den skeptischen Zweifel überwinden, dass Erkenntnis nicht möglich ist, dass wir also nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden können und euch stattdessen Platons Ausweg zeigen: Die Anamnesislehre. Hier als Video oder darunter als Text.

Erinnert ihr euch noch an die Mäeutik von Sokrates? Also die Theorie, dass wir Wissen schon in uns tragen und man es nur – zum Beispiel durch geschicktes Fragen – zur Welt bringen muss? Ich hatte damals im dritten Sokrates-Teil die Frage gestellt, wo das Wissen denn herkommt, aber ich hatte euch keine Antwort darauf geliefert nur eine Analogie zu unseren heutigen Auffassungen von impliziten und expliziten Wissen.

Nun, Platon gibt eine Antwort: Dieses Wissen kommt daher, dass unsere Seele vor unserer Geburt die Ideen an einem überhimmlischen Ort, einem topos hyperuranios geschaut hat. Das ist die sogenannte Anamnesis-Lehre. Also die Lehre von der Wiedererinnerung. Implizites Wissen beweist nach Platon sowohl dass die Seele unsterblich ist, als auch, dass Ideen existieren. Hier benutzt er das Bild von der Tafel wieder: Unser Erkenntnisvermögen kommt nicht als leere Tafel (als Tabula Rasa) auf die Welt, auf die dann die Sinneseindrücke eingeprägt werden, stattdessen ist die Tafel bereits vorgeprägt. Sie strukturiert von Anfang an die Sinneseindrücke gemäß ihrer Vorprägung.

Jetzt mal ganz abgesehen von dem ganzen metaphysischen Unterbau. Die Erkenntnis, dass unsere Seele, unser Geist oder unser Gehirn keine Tabula Rasa ist, sondern selbst etwas mitbringt, um die Sinneseindrücke zu strukturieren, ist eine verdammt gute Theorie. Eine Theorie, die noch heute über 2300 Jahre später Bestand hat. Kant macht zum Beispiel klar, dass wir das Kausalitätsprinzip nicht empirisch beweisen können. Denn alle unsere Beweismethoden setzen die Existenz der Kausalität immer schon voraus. Mit anderen Worten: Unser Geist bringt das Konzept der Kausalität hervor. Oder in Platons Worten: Wir haben die Idee der Kausalität geschaut und daher war sie in unsere Seele vorgeprägt.

Ein anderes Beispiel: Der Linguist und Philosoph Noam Chomsky vertritt die Theorie, dass uns die Sprache angeboren ist. Und zwar glaubt er nicht nur, dass dem Menschen ein abstraktes Sprachvermögen angeboren ist, sondern meint, dass wir schon die Grammatik mit auf die Welt bringen und als Kleinkind nur lernen, zu differenzieren, welche der möglichen Grammatiken wir in unserer Sprachgemeinschaft verwenden. Sein Argument dafür ist, dass die Zeit, in der das Kleinkind Sprache lernt, zu kurz ist für die Leistung, die es schon mit 1,5 bis 2 Jahren hervorbringt. Obendrein ist nach Chomsky die Datenmenge, die das Kind als Input bekommt, viel zu gering, um so ein komplexes System wie die Grammatik zu erlernen. Er vergleicht die Komplexität der Grammatik einer Sprache mit der Quantenphysik. Und kein Kleinkind ist in der Lage, Quantenphysik zu lernen, aber alle lernen, zu sprechen.

Schließlich geht auch die Psychologie heute davon aus, dass unsere Gehirne einiges mit auf die Welt bringen, etwa die Fähigkeit, Muster zu erkennen. Ich hoffe, ihr versteht jetzt, dass Platon ein verdammtes Genie war und warum ich meine Platon-Staffel mit dem Zitat Alfred North Whiteheads begonnen habe:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.” 

Zurück zur Anamnesis-Lehre: In Platons Dialog ‘Menon’ lässt Sokrates einen Sklaven ohne schulische Ausbildung geometrische Aufgaben lösen. Durch geschicktes Fragen führt Sokrates ihn zur Lösung. Da der Sklave diese Aufgaben nicht in dieser Welt gelernt hat, schließt Platon, dass seine Seele die Lösungen schon vor der Geburt gekannt haben muss und nun bloß dazu gebracht werden muss, sich wieder zu erinnern.

Platons Antwort auf die große Frage: Was ist Wissen? Lautet also: Die Wiedererinnerung an die Ideen, die unsere Seele vor ihrer Geburt geschaut hat. Das ist ein eleganter Ausweg aus dem Münchhausen-Trilemma, wenn man zweierlei akzeptiert:

  1. Dass die Ideenlehre stimmt – womit wir schon in Vergangenheit ein Problem hatten.
  2. Dass die Seele unsterblich ist – womit wir vielleicht in der Zukunft ein Problem bekommen werden.

Doch bevor wir uns Platons Unsterblichkeitsbeweisen und anschließend seinem Gottesbeweis zuwenden, werden wir beim nächsten Mal erst noch den Themenblock Erkenntnistheorie abschließen, indem wir uns fragen, was der alte Grieche zum Teilbereich der Wissenschaftstheorie zu sagen hat.

Dinge, die ich noch nie gemacht habe …

Ich lese gerade “Harold & Maude” und Maude macht jeden Tag etwas, das sie noch nie gemacht hat. Das fand ich eine schöne Idee und habe diese Woche auch jeden Tag etwas gemacht, das ich noch nie zuvor tat…

Ich habe auch noch nie Instagram-Fotos eingebettet. Ich hoffe, ihr könnt euch hier durch das Album klicken (darunter stehen die Erklärungen):

Dinge, die ich noch nie gemacht habe.

Ein Beitrag geteilt von Daniel Brockmeier (@privatsprache) am

Freitag … habe ich meinen allerersten Mango-Lassi getrunken. Spoiler: Es hat die Konsistenz und den Geschmack von Trinkjoghurt. Ich denke, es ist eigentlich Trinkjoghurt, der nur von verzweifelten Marketing-Menschen “Lassi” genannt wird. Dabei weiß doch jede/r, dass das hier Lassi(e) ist:

via GIPHY

Samstag … war ich zum ersten Mal im neuen Gebäude des Horts meiner Tochter (10). Es war mit ziemlicher Sicherheit auch das letzte Mal. Das Gebäude wurde gerade neu gebaut, aber meine Tochter hat nächste Woche Freitag ihren allerletzten Horttag. Aus dieser comicesque kleinen Kaffeetasse musste ich übrigens trinken, weil im Hort gefrühstückt wurde, nachdem meine Tochter dort die Nacht verbracht hat. “Schlafen” kann man das, was meine Tochter da gemacht hat, allerdings nicht nennen:

Sonntag … habe ich diesen Granatapfel-Zitronen-Eistee getrunken. Ich hatte die Dame am Tag zuvor gebeten, mir etwas aus dem Supermarkt mitzubringen, was ich garantiert noch nicht kenne. Dieses “Getränk” (in Ermangelung eines besseren Wortes) war süß.

Montag … bin ich in der Mittagspause zum ersten Mal durch die Leibbrandstraße gegangen. Nun, was soll ich dazu sagen? Meinem Leben hätte wahrscheinlich nicht sonderlich viel gefehlt, wenn mit diese Erfahrung entgangen wäre.

Dienstag … habe ich zum ersten Mal diese Milka-Softkekse gegessen. Sie waren süß. Und etwas zu trocken für meinen Geschmack. Also zumindest, wenn man sich “SOFT”-Keks nennt, dann sollte man sich auch schon etwas Mühe geben, auch wirklich Soft zu sein. Wobei ich ehrlich gesagt gar nicht weiß, wie die Dinger in Wirklichkeit heißen.
¯\_(ツ)_/¯

Mittwoch … habe ich zum ersten Mal diese Fanta Pink Grapefruit getrunken. Erkennt ihr schon das Muster?^^Jedenfalls war sie angenehm sauer.

Donnerstag … also heute habe ich nicht nur zum ersten Mal diese Art von Blogpost geschrieben, ich bin auf dem Weg zum Training auch zum ersten Mal durch die Straße Zum Schlegelhof gefahren. Was wohl ein Schlegelhof ist? Da ist auch der Sitz der “Oberfinanzdirektion”. Ich habe auch keine Ahnung, was das ist. Vielleicht so eine Art Orchester von Finanzbeamten und diejenigen, die Schlegel für ihre Instrumente brauchen, treffen sich zum Rauchen immer auf dem Hof. Aber nur ganz vielleicht …

Das war meine Woche. Ich habe vor, das weiter durchzuziehen. Mal sehen, ob mir das gelingt. 😉

Meine Tweets der Woche 26 im Jahr 2018

Kennt ihr Favstar? Das waren die inoffiziellen Twitter-Charts. Eine nette Seite, um Tweets zum Lachen und Schmunzeln zu finden. Leider hat Favstar den Laden dicht machen müssen, da Twitter ihr die Programmierschnittstelle dichtgemacht hat. Ein weiterer Schritt im unsäglichen Versuch von Twitter, sich einzumauern. Aber wo die Technik versagt, da müssen wir Menschen die Lücke füllen. Damit all die kleinen Kunstwerke unseres liebsten Netzwerks nicht verloren gehen, möchte ich nun wieder anfangen, regelmäßig zu zeigen, was mich diese Woche zum Lachen, Nachdenken oder zum Herzschmerz führte.

Montag

Die Woche begann mit Arbeit, gut gelaunten Senegalesen und Introvertierten.

Dienstag

Am Dienstag gab es Horror-Hühner und grazile Hyänen …

Mittwoch

Am Mittwoch ein Kamel mit Appetit und Eltern mit den falschen Präferenzen. Außerdem noch Denken in der Box und Liebe!

Donnerstag

Am Donnerstag machten Bezemas Worte klar, was falsch ist am ekeligen Özil-Bashing seit dem Ausscheiden der Mannschaft. Außerdem gab es Hoffnung auf das Schweigen der Bild.

Freitag

Am Freitag fand jemand die richtige Antwort … Es gab die schlechteste Uni-Werbung der Welt und zu guter Letzt gab es auch noch Söder.

Samstag

Am Samstag gab es Sommer, Christiano Ronaldo und noch die Freuden der Masturbation. o.O

Sonntag

Am Sonntag gab es die Freuden der Elternschaft und Spott für Seehofer …

Bis nächste Woche!

Was ist mit Kroos? Fußballgucken mit Kindern

Neulich sah ich diesen Tweet:

Das kenne ich nur zu gut! Wenn du mit Kindern Fußball guckst, hast du eine zweite dadaistische Kommentarspur. Und während meine Tochter (3) sich auf die Frage “Ist das Tony Kroos?” beschränkt (er ist der einzige, den sie sich von den Supermarkt-Sammelkarten merken kann), will meine Tochter (10) alles immer ganz genau wissen. Hier kommen alle ihr Fragen während des Spiels Deutschland – Schweden. Hinzu kamen noch unzählige Kommentare, Anekdoten und Assoziationen, die ich nicht mitschreiben konnte. Viel Spaß beim erraten, was in welcher Minute gefragt wurde …

  1. Warum zeigen die das zweimal?
  2. Warum hat er das gemacht?
  3. 122:9 für Deutschland?
  4. Wie jetzt?
  5. Chips?
  6. Die Nummer 8 ist Toni Kroos, oder?
  7. Wer ist das?
  8. Wie war Rudy?
  9. Wer ist die 18?
  10. Wie schreibt man Kimmich?
  11. Kimmich ist die Nummer 18?
  12. Welche Nummer ist Draxler?
  13. Rüdiger?
  14. Was?
  15. Die können doch nicht ohne einen Mann spielen?
  16. Warum wechseln die keinen ein?
  17. Wer ist das?
  18. Was Ü?
  19. Aber mit wem?
  20. Wie soll ich den Chip in den Mund kriegen?
  21. Für Deutschland?
  22. Da! Siehst du?
  23. Wie heißt Draxler eigentlich mit Vornamen?
  24. Kann ich die Känguru-Chroniken hören?
  25. Hast du gehört? Da hat jemand geschrien und gehupt!
  26. Was wenn sie Gleichstand spielen?
  27. Mücken?
  28. Wer ist das?
  29. Hat der nicht schon beim letzten Mal mitgemacht?
  30. Wer?
  31. Kann man in einem Spiel zwei gelbe Karten bekommen?
  32. Hallo?
  33. Draxler ist nicht mehr drin?
  34. Wer ist denn das?
  35. Marco?
  36. Krieg ich auch einen?
  37. Was hat der gemacht?
  38. Den Schiri beschimpft?
  39. Weißt du? Die Berliner sprechen gerne mit abgebrochenen Worten.
  40. Wer war denn das, der geschossen hat?
  41. Wer?
  42. Die Deutschen oder die Schweden?
  43. Warum?
  44. Italien?
  45. Wer ist denn das?
  46. Warum steht da „Corner 6:1“?
  47. Was ist mit Kroos?
  48. Ist Kroos groß?
  49. Er ist doch noch gerannt?
  50. Wie heißt denn Löw mit Vornamen?
  51. Wie schreibt man so ‘ne Doktorarbeit?
  52. Für wie viele Seiten?
  53. Was muss man denn schreiben?
  54. Fliegen?
  55. Oh nein! Ist das ein neues Tor?
  56. Und für wen bist du?
  57. Was ist denn jetzt Abseits?
  58. Hallo?
  59. Wer ist wütend auf sein Team?
  60. Woher weiß er das denn?
  61. Woher weiß er, dass es Nachspielzeit gibt?
  62. Wer macht sich bereit?
  63. Julian?
  64. Warum das denn?
  65. Wirklich Rudy?
  66. Für welche Mannschaft?
  67. Warum sollten sie jetzt was?
  68. Noch ein Tor schießen?
  69. Ist es heute nicht schon das zweite Spiel, das du richtig getippt hast?

 

 

 

 

 

 

Platon – Wissen ist wahre begründete Meinung

Heute möchte ich mich der Definition von Wissen widmen, die ihr alle kennt, wenn ihr mal ein Semester Philosophie studiert habt: Wissen ist wahre begründete Meinung. Das ganze wie immer hier als Video oder darunter als Transkript.

Geltung und Genese

Beim letzten Mal hatten wir Platon darüber grübeln sehen, wie er den Irrtum richtig definieren kann. Zwar führten sämtliche Versuche Platon immer wieder in Sackgassen, aber trotz aller Probleme haben wir den Begriff zumindest strategisch eingekreist und das ist ja auch schon mal was wert. Somit sind unsere logischen Armeen nun in Position und wir widmen uns endlich der eigentlichen These, dass Wissen wahre Meinung ist.

Platons Sokrates eröffnet das Feuer mit dem, was Leibniz später das „Geltung und Genese“-Argument nennen wird: Die Frage, ob wir wahre Meinung auch Wissen nennen können, wenn sie falsch zustande gekommen ist. Sokrates’ Argument ist das griechische Gerichtswesen: Wie wir in den Sokrates-Texten schon sahen, waren rhetorische Fähigkeiten dort das A und O, da sich jeder selbst verteidigen musste. Das, was Ankläger und Verteidiger vor griechischen Gerichten machen, ist Überreden, denn die Richter werden nicht unbedingt mit den besten Argumenten zu ihrem Urteil geführt (also überzeugt), sondern mit den trickreichsten. So kann es kommen, dass die Richter ein gerechtes Urteil sprechen, aber dies geschieht nicht aus Wissen heraus sondern eher zufällig. Es scheint also nicht ganz unwichtig zu sein, wie eine wahre Meinung zustande gekommen ist.

Zur wahren Meinung muss also noch etwas hinzukommen, damit sie Wissen werden kann. Theaitetos fällt auch ein, was das sein könnte und so findet Platon die Definition für Wissen, die noch heute jede Studentin im ersten Semester Philosophie lernt: Wissen ist wahre, begründete Meinung.

Lasst diesen Gedanken mal eine Minute sacken, denn er ist sehr wichtig. Im Internet ist jeder Mensch zu einem potentiellen Massenmedium geworden. Es wimmelt von Meinungen. Aber oft wird zumindest eines der beiden Prädikate vergessen, die aus Meinungen auch Wissen machen. So wimmelt es von Verschwörungstheorien im Internet, die sich schon nach einem ganz schnellen Realitätsabgleich als unwahr erweisen. Beispielsweise wenn pietätlose Menschen behaupten, dass die Jugendlichen Amoklaufüberlebenden aus Florida, die sich jetzt für strengere Waffengesetze stark machen, Schauspieler wären.

Auf der anderen Seite finden sich auf Facebook und Twitter Meinungen, die manchmal sogar wahr sind, denen es aber aufgrund der Kürze und Hastigkeit der Medien an Begründung fehlt. Ein Grund, warum man insbesondere auf Twitter nicht in Diskussionen einsteigen sollte.

Der infinite Regress

War es das jetzt? Ist unsere Untersuchung, was Wissen ist, am Ende? Haben wir eine Definition für Wissen gefunden? Natürlich nicht! Dafür blicken wir mit Platon noch einmal auf die Meinung und fragen, aus was denn Meinungen eigentlich bestehen? Meinungen sind erst einmal Sätze. Die nächste wichtige Frage ist dann: Womit begründe ich einen wahren Satz? Letztlich bleibt mir nie etwas anderes übrig, als einen Satz wieder mit einem anderen Satz zu begründen. Doch dieser andere, zweite Satz, woher weiß ich denn, ob es sich bei dem um Wissen handelt? Denn nur dann kann er ja als Begründung herhalten? Ganz klar: Auch er muss wahr sein und begründet werden. Aber womit begründe ich ihn? Na, mit einem Satz. Und dieser Satz?

Ihr seht, wir haben ein Problem. Und dieses Problem nennt sich der „Infinite Regress“, es ist nicht irgendein, sondern ein riesiges, ein gewaltiges Problem, das uns in der Erkenntnistheorie immer wieder über den Weg läuft. Es verwandelt das Fundament unseres Wissens in Sand.

Dogma

Platons Sokrates versucht einen Ausweg zu finden, indem er von einem Traum erzählt, in dem es ihm erschien, dass es Urelemente gäbe, aus denen unser Wissen abgeleitet werden kann, die aber selbst kein Wissen sind, da sie nur benannt aber nicht bewiesen werden können.

Was zum Henker soll dieser metaphysische Quatsch denn jetzt schon wieder sein? Nun, in der Mathematik kennen wir genau solche Urelemente. Erste Sätze, die uns einleuchten, die wir aber nicht beweisen können und von denen wir dann all unsere mathematischen Erkenntnisse ableiten. Mathematikerinnen nennen sie Axiome.

Beispielsweise lautet die Liniendefinition von Euklid: “Eine Linie ist eine breitenlose Länge“. Dieser Satz ist (in der Euklidschen Geometrie) selbst nicht beweisbar, da er als Grundlage für alle anderen Beweise gilt. In der Philosophie nennen wir so etwas ein Dogma: Um dem Infiniten Regresse zu entgehen, breche ich meine Begründung einfach irgendwann ab und erkläre einen meiner Sätze zum Axiom, von dem ich ausgehen will.

Aber Sokrates weißt uns natürlich auf das Problem eines solchen Dogmas hin: Wenn wir unser vermeintliches Wissen aus unerklärbaren Axiomen zusammensetzen, dann ist es letztlich selbst auch unerklärbar. Aber eine unerklärbare Begründung ist letztlich gar keine Begründung.

Zirkelschluss

Daher nimmt Sokrates einen dritten Anlauf: Man kann etwas nicht nur dadurch erklären, dass man sagt, woraus es zusammengesetzt ist, sondern auch dadurch, dass man sagt, was es nicht ist und es so von anderem unterscheidet. Wer ist Rey in Star Wars? Sie ist nicht Kylo Ren oder Finn oder Hans Solo … und so weiter. Aber wenn ich etwas dadurch definiere, was es nicht ist, dann muss ich auch wissen, worin der Unterschied besteht. Rey ist nicht Finn, da sie Macht-sensitiv ist. Aber sie ist auch nicht Kylo Ren, da sie zur guten Seite der Macht gehört und so weiter.

Blöderweise führt uns das ins nächste Problem, denn wir haben gerade Wissen definiert als wahre Meinung und das Wissen darum, worin sich diese wahre Meinung von etwas anderem unterscheidet. Oder kurz: Wissen ist wahre Meinung und Wissen. Das wiederum ist nach dem Infiniten Regress und dem Dogma die dritte Sackgasse in der Definition von Wissen: Der Zirkelschluss.

Der Ausweg

Zirkelschluss, Dogma und Infiniter Regress nennt der Philosoph Hans Albert übrigens das Münchhausen-Trilemma. Nach Hans Albert wird jeder Versuch einer Letztbegründung scheitern, weil er immer ins Münchhausen-Trilemma führt.

Heiliges Spaghettimonster! Ist euch klar, was das bedeutet? Nichts anderes als: Es gibt kein Wissen – zumindest streng genommen. Was machen wir jetzt? Bleibt uns noch etwas anderes übrig, als uns besinnungslos zu besaufen? Können wir wirklich Trumps alternative Facts nicht widerlegen, weil wir am Grunde unserer Argumentation immer auf das Münchhausen-Trilemma stoßen? Gibt es wirklich gar keinen Ausweg?

Nun, Platon bietet uns einen solchen Ausweg in seinen mittleren Dialogen. Wir haben ihn auch schon hier und da mal gestreift. Allerdings wirft uns dieser Ausweg wieder ganz tief in seine Metaphysik und da stellt sich die Frage, ob wir nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Dennoch werden wir uns beim nächsten Mal diesen Ausweg angucken: Die Anamnesislehre.

12 von 12 im Juni 2018

Nach einer ganzen Weile habe ich es mal wieder hinbekommen meine 12 von 12 zum machen. Yay!

Der Tag begann mit Kinderwecken. Lustig ist, dass meine Tochter (3) derzeit, mit frenetischer Begeisterung den Tisch deckt. Die Worte: „Du musst aufstehen!“, bringen sie nicht aus den Federn. Bei: „Du musst den Tisch decken!“, steht sie sofort senkrecht.

Dann erstmal einen Kaffee …

… und beim Frühstück planten die Dame und ich gleichzeitig den Podcast am Abend (dazu später mehr) und unseren Urlaub. Die Dame hat einen neuen Job angefangen und daher eigentlich kein Anrecht auf Urlaub in diesem Sommer. Ihr wisst schon: Probezeit und so … Jetzt hat sie aber überraschend kurzfristig doch eine Woche frei bekommen. Das stellt uns vor die schier unmögliche Aufgabe in einem Monat mitten in der Hochsaison noch ein bezahlbares Urlaubsziel zu finden.

Schon aus beruflichen Gründen probiere ich ja jeden neuen heißen Social-Media-Scheiß aus. Und als @unangespiesst neulich auf Twitter “Habitica” empfahl, musste ich die Gamification-App natürlich gleich ausprobieren. Die App verwandelt tägliche Aufgaben in die Tasks eines Adventure-Spiels, für die es Belohnungen und Erfahrungspunkte gibt. Bei Nichterfüllen wiederum muss dein Held Schadenspunkte aushalten.

Einer meiner täglichen Tasks – und natürlich eine Freude, eine Ehre und ein Vergnügen – ist es, mindestens einmal am Tag etwas mit meiner Tochter (3) zu spielen. Gestern war es eine Partie Uno, bevor sie zum Kindergarten und ich zur Arbeit musste.

Mittags machte ich einen kurzen Abstecher an den Main. Aber das Wetter lud nun wirklich nicht zum Verweilen ein.

Einer meiner weiteren täglichen Aufgabe ist: Mindestens einen Handstand am Tag zu machen. Bitteschön …

Die nächste Aufgabe, die ich abhaken musste, war: Das Transkript meiner letzten Platon-YouTube-Folge endlich mal in meinen Blog zu stellen. Auch das gelang, wie ihr hier sehen könnt.

Kommen wir zum Thema Podcast, das ich oben schon erwähnte. Dieser musste nicht nur vorbereitet werden …

…. Er war auch die Abendbeschäftigung der Dame und meinereiner. Unser Freund Merlin veröffentlicht seinen Kurzfilm 32 demnächst auf Amazon Prime Video. Zu diesem Anlass haben wir ihn interviewt und viele spannende Hintergrundinfos darüber bekommen, wie man eigentlich einen Film macht.

Zu später Stunde las ich dann noch zwei Seiten aus “Harold and Maude” …

… bevor mir die Augen zu vielen. Wir sehen uns nächsten Monat!

Platon – Was ist eigentlich ein Irrtum?

Heute möchte ich mich der Frage widmen, was eigentlich ein Irrtum ist. Und ich warne euch vor, das hier ist ein harter Brocken, eine Dehnübung für eure Seele. Aber bleibt dran, am Ende werdet ihr mit zwei schönen Erklärungen belohnt. Wie immer gibt es das hier als Video oder darunter als Transkript:

In meinen Wahrnehmungen kann ich mich irren

Beim letzten Mal hatten wir zusammen mit Platon die These geprüft, ob Wissen Wahrnehmung ist. Platon hatte viele Argumente dagegen präsentiert, das für mich stärkste Argument ist aber: Wissen ist das Gegenteil von Irrtum. In meinen Wahrnehmungen kann ich mich aber irren, daher kann Wissen nicht gleich Wahrnehmung sein. Dieses Argument ist besonders stark, weil der Schluss rein semantisch ist. Die Wahrheit ergibt sich aus der Wortbedeutung. Das nennt man einen analytischen Schluss oder ein analytisches Urteil. Während ich mich bei einem empirischen Schluss irren kann, weil meine Daten über die Welt falsch sein können, ist dies bei einem analytischen Urteil nicht möglich.

Da also Wahrnehmung ausscheidet, machen sich in Platons Dialog Sokrates und Theaitetos sowie dessen dumm daneben stehender Lehrer daran, eine zweite These aufzustellen, was Wissen sein könnte. Beim letzten Mal habe ich erläutert, dass die Definition „Wissen ist Wahrnehmung“ die Geburtsstunde der philosophischen Strömung des Empirismus war. Nun dürfen wir zusehen, wie Platon eine zweite große philosophische Strömung aus der Taufe hebt: Den Rationalismus. Denn wenn Wahrnehmung – also das, was von der Welt auf uns Menschen einströmt – als Kandidat für Wissen gescheitert ist, dann erscheint es doch lohnend, das zu prüfen, was wir Menschen der Welt entgegenbringen: Das Denken.

Die reine Lehre des Rationalismus sollte später werden, dass echte Erkenntnis nur mit voraussetzungsfreiem Denken möglich ist. Bitte bedenkt, dass ich das wieder einmal bewusst extrem verkürzt ausgedrückt habe, bevor ihr mir diese Definition um die Ohren haut. Große Rationalisten sollten später so Philosophen wie Descartes und Leibniz werden. Der reine Rationalismus musste allerdings erst durch Kant und dann durch die moderne Psychologie schwere Schläge einstecken, sodass er in dieser naiven Form nicht mehr vertreten wird. Aber dennoch sind noch heute viele Philosophen von ihm geprägt, insbesondere in meiner Lieblingsströmung, der analytischen Philosophie.

Indirekter Beweis von Wissen ist wahre Meinung

Zurück zu Platon: Der stellt nämlich fest, dass nicht jede Form von Denken als Kandidat für Wissen in Frage kommt. Ich sitze hier gerade und frage mich: “Was mache ich hier eigentlich?” Diesen Satz kann ich wohl kaum Wissen nennen. Nein, Wissen kann nur die Art von Denken sein, die auch wahr oder falsch sein kann, wie zum Beispiel: „Das Studioset zu ‘Das Fenster zum Hof’ war das damals größte Set aller Zeiten.” Entsprechend lautet Platons zweite, zu prüfende Definition: “Wissen ist wahre Meinung”.

Platon lässt Sokrates die Untersuchung dieser These mit einem indirekten Beweis beginnen, indem er fragt, was denn eigentlich falsche Meinung ist. Sokrates macht dies, weil er zeigen will, dass falsche Meinungen existieren, um sie dann im nächsten Schritt den wahren Meinungen gegenüber zu stellen. Das ist eine beliebte Strategie in der Philosophie, wenn man seine These besonders stark machen will: Erst einmal ausschließen, was etwas nicht ist.

Was ist also diese falsche Meinung? Platon schlägt vier Kandidaten vor und ich warne euch schon einmal – die vier machen Knoten ins Gehirn. Da wären:

  1. Wenn ich eine falsche Meinung habe, halte ich dann etwas, das ich kenne, für etwas anderes, das ich kenne?
  2. Vielleicht ist falsche Meinung auch, etwas, das ich nicht kenne, für etwas zu halten, das ich ebenfalls nicht kenne?
  3. Natürlich könnte ich auch etwas, das ich kenne, für etwas halten, das ich nicht kenne.
  4. Oder (zu guter Letzt) kann ich etwas, das ich nicht kenne, für etwas halten, das ich kenne.

Platon hält alle vier Möglichkeit für unmöglich. Etwas, dass ich kenne, kann ich nicht verwechseln, da ich es ja kenne. Aber etwas, das ich nicht kenne, kann ich nicht verwechseln, weil ich es eben nicht kenne. Es gibt also keine falsche Meinung.

Alter! Das ist ein typischer Platon-Mindfuck, bei dem dir fast der Schädel platzt, wenn du versuchst, nachzuvollziehen, was um Himmels Willen er überhaupt meint. Bei aller Kritik, muss ich aber auch sagen, dass die Systematik, mit der Platon hier vorgeht, sehr elegant ist. In der Aussagenlogik könnte man die vier Sätze durch Variablen ersetzen und würde sehen, dass Platon tatsächlich alle Möglichkeiten abdeckt.

p = q
-p = -q
p = -q
-p = q

Nur die Schlussfolgerung, dass keine der vier Möglichkeiten in Betracht kommt, ist absurd. Walter Bröcker meint, dass diese Untersuchung überhaupt nur entstehen konnte, weil es im Altgriechischen keine Unterscheidung zwischen „Kennen“ und „Wissen“ gab. Da ich Altgriechisch nicht beherrsche, kann ich das nicht beurteilen. Ich sehe hier aber mal wieder das gleiche Problem, das wir auch schon im Zusammenhang mit dem Prädikat „groß“ hatten: Platon berücksichtigt nicht, dass es mehr als Entweder-Oder-Entscheidungen gibt, dass die Welt voller Kontinuen ist.

Beispielsweise ist es nicht so, dass ich Justin Bieber entweder kenne oder nicht. Ich kann Justin Bieber auch ein bisschen kennen, wenn ich weiß, dass er Popmusiker ist, dass er ein weißes, blondes Bübchen ist, also eben dieser Typ:

PHOTO by Steven L. Shepard, Presidio of Monterey Public Affairs. CC0.

Oh, jetzt habe ich ihn wohl mit irgendjemandem verwechselt. einen anderen Justin, den ich eben auch nur ein bisschen kenne …

Anyway, Platons nächste Definition von falscher Meinung lautet: Falsche Meinung ist, zu meinen, was nicht ist. Doch auch diese Definition scheint zu scheitern, denn nach Platon ist Meinen immer “etwas meinen”. Das ist soweit korrekt. Ich meine, dass Berliner fritierte Teigbällchen mit Marmeladenfüllung sind, die in Puderzucker gewälzt wurden. Also wenn das mal nicht etwas ist! Aber dieses „Etwas“ kann immer nur etwas sein, das existiert, so Platon.

Pfff … Das sind so ontologische Problemchen, von denen ich mit 2000 Jahren Abstand meine, dass du sie einfach nicht mehr ernst nehmen kannst. Natürlich kann ich von Nichtseiendem meinen, dass es ist. Beispiel gefällig? Einhörner existieren. Basta. Außerdem unterscheidet Platon nicht zwischen logischem Subjekt und logischem Prädikat. Ich kann zum Beispiel sagen: Pferde haben die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Dann habe ich einem Subjekt, das existiert, nämlich dem Pferd, etwas zugeschrieben, das nicht existiert, nämlich die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Ihr seht, Platons Definition ist gleich in mehrere Hinsicht falsch.

Nun gut, Platon sieht das anders und prüft eine dritte Definition: Falsche Meinung ist Verwechslung. Das ist genau unser Fall mit den zwei Justins. Aber Platon lehnt diesen Fall auch wieder ab, da ich bei der Verwechslung etwas, das ich kenne für etwas anderes halte, das ich kenne. Wie schon gesagt, kennt Platon aber kein graduelles Kennen, daher zieht er den absurden Schluss, dass es keine Verwechslung gibt.

Nun ist Platon zwar ein weltfremder Philosoph, aber auch nicht ganz doof, weswegen er Theaitetos und Sokrates die Erkenntnis beschert, dass ihr Ergebnis nicht stimmen kann, denn wir alle kennen ja Verwechslungen. Und ich kann euch beruhigen, jetzt wird das alles wieder verständlicher.

Wachstafel und Taubenschlag

Um zu erklären, wie Verwechslungen zustande kommen, entwirft Platon zwei weitere berühmte Gleichnisse: Das Bild von der Wachstafel und das Bild vom Taubenschlag. Um Verwechslungen in der Wahrnehmung – wie bei unseren beiden Justins – zu erklären, dient die Tafel.

Demnach ist unsere Seele (wir können auch Geist oder Gehirn sagen) wie eine Wachstafel und jedes Mal, wenn wir einen Sinneseindruck haben, dann wird dieser in die Tafel im wahrsten Sinne des Wortes eingedrückt (ob daher wohl die Metapher kommt?). Diese Eindrücke sind nun unterschiedlich tief und tragen sich zudem mit der Zeit ab. Wir vergessen, wenn wir einer Erinnerung nicht Nachdruck verleihen.Eine Verwechslung ist nun, wenn wir beispielsweise Timberlake begegnen, ihm aber in unserem Kopf den Eindruck von Bieber zuordnen. Na das ist doch mal eine schöne und verständliche Erklärung gewesen!

Allerdings gibt es auch noch andere Arten von Irrtümern, bei denen uns das Bild von der Wachstafel nicht mehr weiterhilft. Es sind Fälle von falschen Schlussfolgerungen: Etwa bei Fällen, in denen ich mich verrechne. Oder wenn ich zum Beispiel aus der Tatsache, dass eine Gruppe von Muslimen in Köln Frauen massiv belästigt hat, schließe, dass alle Muslime Sexisten sind.

Hierfür entwirft Platon das Bild vom Taubenschlag: Meine Seele, mein Geist oder mein Gehirn ist wie ein Taubenschlag und mein Wissen ist wie die Tauben. Platon unterscheidet nun zwischen dem Besitz von Wissen und dem Haben von Wissen. Beispielsweise besitze ich das Wissen, dass ich von einem Einzelfall nicht auf eine Regel schließen kann. Wenn mir einmal von Schokolade schlecht geworden ist, werde ich doch trotzdem nicht sofort aufhören Schokolade zu essen. Diese Regel fliegt als eine Taube durch meinen Taubenschlag, ich besitze sie. Und im Fall der Schokolade habe ich sie auch erfolgreich gefangen, halte sie in der Hand und habedieses Wissen entsprechend auch.

Wenn nun aber wie im Fall nach der Silvesternacht 2016 in Köln die Situation aufgeheizt ist, alle Medien dauernd berichten und auf Facebook und Twitter rumgeschrien wird, wie schlimm diese Muslime sind, die Tauben quasi wie blöd durch meinen Taubenschlag flattern, dann kann es vorkommen, dass ich die Taube nicht fange, sondern womöglich eine andere greife. Auch dann besitze ich noch das Wissen, also die richtige Meinung, aber ich habe sie nicht mehr. Ich habe dann eine falsche Meinung.

Wie schön, am Ende hat Platon doch noch ein Kontinuum entdeckt! Aber natürlich lässt  Platon Sokrates dieses Ergebnis der Untersuchung umgehend problematisieren, wie es üblich ist in seinem dialektischem Spiel. Sokrates kommt zu dem Ergebnis, dass es ein Fehler war, die Untersuchung mit dem Irrtum zu beginnen, und man sich stattdessen der eigentlichen These zuwenden sollte, dass Wissen wahre Meinung ist.

Natürlich war es aber nicht wirklich ein Fehler. Platon hat eine gescheiterte Argumentation nicht „aus versehen“ in seinem Dialog stehenlassen. Es war stattdessen eine logische Dehnübung, die uns vor Augen führen sollte, wie kompliziert und mitunter verfahren die Lage ist, wenn wir beginnen, zu untersuchen, was unseren alltagssprachlichen Begriffen zugrunde liegt.

Nach dieser Dehnübung ist unsere Seele nun bereit, die These zu prüfen, dass Wissen wahre begründete Meinung ist. Aber weil es schon wieder so spät ist, machen wir das beim nächsten Mal.